Memory Reconsolidation

Gedächtnis-Rekonsolidierung:
Die neurophysiologische Grundlage tiefgreifender Veränderungen

Emotionale Probleme haben ihre Ursache oft im impliziten emotionalen Gedächtnis (außerhalb des Bewusstseins). Emotionale Erfahrungen werden verallgemeinert abgespeichert, wie z.B. „wenn ich Traurigkeit zeige, werde ich nur noch mehr beschimpft“. Im autobiographischen Gedächtnis sind die auslösenden Ereignisse für diese „Kenntnisse von der Welt“ evtl. nicht ohne weiteres zugänglich. Es sind automatisch ablaufende unbewusste Muster, die uns u.U. auch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung noch im Griff halten. So funktioniert unser Gehirn, dass solche Lerninhalte sehr haltbar abgespeichert werden: Gelerntes wird vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis übernommen in einem Vorgang der „Konsolidierung“ heißt.

Bis ungefähr zur Jahrtausendwende war die Forschung der Ansicht, dass einmal derart im Langzeitgedächtnis konsolidierte neuronale Schaltkreise sich nicht mehr verändern und so ein Leben lang erhalten bleiben. In der Verhaltenstherapie ist zwar von „Löschung“ die Rede, aber dabei werden neue Schaltkreise in anderen Teilen des Gehirns verknüpft und verstärkt, die die alte Reaktion hemmen. Das erfordert Arbeit in Form von geduldigem Üben neuer Verhaltensweisen. Dabei bleibt die originale Reaktionsbereitschaft unverändert erhalten und kann leicht wieder hervorgerufen werden.

Transformationen

Unbeirrt davon kam und kommt es in der psychotherapeutischen Praxis aber auch immer wieder zu tiefgreifenden und bleibenden Veränderungen. Meistens sind das (durchaus nach entsprechender Vorarbeit) plötzliche Umwälzungen / „Durchbrüche“, Transformationen:

  • Ein bestimmtes emotionales Reaktionsmuster endet plötzlich und kann danach auch durch die bekannten Auslöser oder allgemein stressige Situationen nicht mehr aktiviert werden.
  • Dazugehöriges Verhalten, Emotionen, Empfindungen, Gedanken verschwinden ebenso dauerhaft.
  • Dieses dauerhafte Verschwinden passiert „von selbst“, bleibt ohne Anstrengung erhalten und erfordert keine fortdauernden „Gegenmassnahmen“.

Entdeckungen

In den letzten gut 10 Jahren kam es zur Entdeckung der „Memory Reconsolidation“, die solche Transformationen erklären kann. Konsolidierung ist der Vorgang, mit dem neu Gelerntes ins Langzeitgedächtnis übertragen und dort verfestigt wird. „Memory Reconsolidation“ ist die Entdeckung, dass konsolidierte neuronale Netzwerke doch nicht ein für allemal fest verdrahtet sind, sondern wieder „geöffnet“, „aufgeschlossen“ werden können. In diesem Zustand kann die originale Lernerfahrung wirklich gelöscht oder verändert werden, anstatt sie durch andere Netzwerke zu hemmen.

Entdeckt wurde dies zunächst in Versuchen mit Mäusen, mit chemischen Mitteln, von denen man schon wusste, dass sie die erstmalige Konsolidierung neuer Gedächtnisinhalte verhindern, aber bereits konsolidiertes Gedächtnis nicht angreifen. Wenn nun aber eine schon konsolidierte Angst-Lernerfahrung wieder aufgerufen wurde und dann das Mittel gegeben wurde, verschwand die Angstreaktion komplett und konnte nicht mehr wieder hervorgerufen werden. Das heisst: Die neuronalen Verbindungen einer schon konsolidierten Lernerfahrung wurden wieder in den „plastischen, labilen“ Zustand wie bei der anfänglichen Konsolidierung zurück versetzt, die dann durch die chemischen Mittel unterbunden wurde. Danach ist es so, wie wenn es diese Lernerfahrung nie gegeben hätte. Wenn nicht eingegriffen wird, wird die Lernerfahrung innerhalb von 4-6 Stunden wieder unverändert in den konsolidierten Zustand versetzt.

Dieses Zeitfenster und überhaupt der Vorgang der Memory Reconsolidation gelten auch für Menschen. Merel Kindt hat an der Amsterdamer Universität eindrucksvoll gezeigt, wie auf diese Weise Spinnenphobien verschwinden: Am ersten Tag wird die Phobie aktiviert, indem den Probanden eine große lebende Spinne gezeigt wird. Dann bekommen die Probanden den Beta-Blocker Propranolol verabreicht. Am nächsten Tag werden die Probanden wieder mit der Spinne konfrontiert und sind, nicht zuletzt zu ihrer eigenen Überraschung, in der Lage, das Tier sogar anzufassen. Die Phobie war verschwunden, und kam nicht wieder.

Therapeutische Nutzung

Psychotherapeuten, die sich mit dieser Forschung auseinandersetzen, sehen im Mechanismus der Memory Reconsolidation die neuronale Grundlage tiefgreifender Veränderungen – Transformationen. Und diese werden nicht durch verhaltenstherapeutisches „Löschen“ erreicht und nicht durch lösungsorientiertes den-Symptomen-Entgegenwirken.

Eine Voraussetzung ist die möglichst starke Aktivierung der fraglichen emotionalen Lernerfahrung. Zum „Aufschließen“ der Erinnerung ist parallel dazu noch eine diesem Lernen widersprechende Erfahrung nötig. Das Gehirn muss eine Diskrepanz entdecken zwischen unbewusster Erwartung und aktueller Erfahrung. Dies kann geplant herbeigeführt werden. Es kann sich aber auch allein dadurch schon ergeben, dass die empathische Begleitung, Gesehenwerden durch den Therapeuten im Widerspruch steht zu kindlichen Bindungs-Erfahrungen und entsprechenden Erwartungen. Die Überlagerung, das gleichzeitige Erleben der fraglichen emotionalen Lernerfahrung und einer widersprechenden lebendigen Erfahrung – Diese Kombination schaltet den „Diskrepanz-Detektor“ ein, der dafür sorgt, dass für die adressierte emotionale Lernerfahrung der „Update-Mechanismus“ eingeschaltet wird, der sie wieder „plastisch, labil“ schaltet – so dass sie innerhalb des Zeitfensters nun mit neuen Erfahrungen ergänzt oder überschrieben werden kann.

Dazu braucht es keine neue Therapieform, sondern vielfach geschieht genau das auf unterschiedliche Art in verschiedenen Therapieformen. Ja, sobald eine Transformation stattfindet, ist anzunehmen, dass Memory Reconsolidation angestoßen wurde, da dies derzeit der einzige bekannte neuronale Mechanismus ist, der solche Ergebnisse erklären kann: schnelle, tiefgreifende, bleibende Veränderungen.

Literatur

Memory Reconsolidation