Buchbesprechung – Schlippe, Schweitzer: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung

Dieses Lehrbuch besteht aus zwei Bänden:
I Das Grundlagenwissen
II Das störungsspezifische Wissen

Es handelt sich hier m.E. um das Standardwerk zur systemischen Therapie.
Band I umreisst zunächst im 1. Teil ausführlich die geschichtliche Entwicklung der systemischen Therapie. Für mich persönlich ein durchaus wichtiges Kapitel, da die systemische Therapie im Laufe ihrer noch nicht allzu langen Geschichte weitgehenden Veränderungen unterworfen war. Verwirrung über verschiedene Ansätze, die sich teils widersprechen, konnte sich hier für mich aufklären, weil die Ansätze einfach in verschiedene Phasen der Entwicklung der systemischen Therapie einzusortieren sind.
Teil 2 heisst „Systemtheorie für Praktiker“ und bringt insbesondere Verständnis für die ganz speziellen Fremdworte mit denen Systemiker so gerne um sich werfen, wie z.B.: Konstruktivismus, Kybernetik (erster oder zweiter Ordnung), Synergetik, Homöostase, Attraktoren und Autopoiese.
Dann endlich kommen die Teile, bei denen „Praxis“ am Anfang des Titels steht, nämlich vor: „Grundlagen“, „Methoden“ und „Settings“
In den „Grundlagen“ werden die typisch systemischen Haltungen des Therapeuten dargestellt, in denen sich die Systemtheorie in der Praxis niederschlägt. Wir finden hier u.a.: „Hypothesenbildung“, „Zirkularität“, „Allparteilichkeit“, „Neutralität“, „Ressourcenorientierung“, „Lösungsorientierung“.
Bei den „Methoden“ geht es vom anfänglichen „Joining“ über die Auftragsklärung zunächst in die facettenreiche Welt des systemischen, z.B. zirkulären, Fragens. Dann werden Aktionsmethoden beschrieben wie z.B. verschiedene Arten von Aufstellungen. Weiter geht es mit solchen Themen wie „Komplimente“, wertschätzende Konnotation, Reframing, Metaphern, Geschichten und sogar Witze.
Der „Settings“-Teil schließlich setzt sich mit den vielen verschiedenen Einsatzgebieten der systemischen Beratung und Therapie und ihren Settings auseinander: Einzeltherapie, Paartherapie, Elterncoaching, Familientherapie, Kinder- und Jugendlichentherapie, Gruppentherapie, stationäre Settings und Supervision; dann weiter Settings wie z.B. aus dem Bereich der Familienhilfe und schließlich Beratungs-Settings im Arbeitsleben.
Auf den letzten 2 Seiten gibt es noch den Teil mit den „Zukunftsmusiken, worüber wir (noch) nicht schreiben“.
Wer sich diesen Band zu Gemüte geführt hat, hat jedenfalls schonmal einen ordentlichen Fuß in der Tür zur systemischen Welt …

Band II, der 10 Jahre später entstanden ist, setzt sich mit der Frage auseinander, wie man denn nun Krankheiten behandelt, mit der systemischen Therapie. Das ist ein gewisser weltanschaulicher Spagat, weil die Systemiker ja nun eher so gar nicht den medizinischen Begriff von Störung und Krankheit teilen. So setzt sich dieser Band anfangs mit genau dieser Diskrepanz auseinander, bevor wirklich Störungsbilder, psychische und psychosomatische Störungsbilder nach ICD-10 besprochen werden.
Die einzelnen Kapitel bestehen dann jeweils aus der Erläuterung der ICD-10 Diagnosen unter „Störungsbilder“, betrachten dann für diese Störung typische „Beziehungsmuster“, bevor Vorschläge zu „Entstörungen“ gemacht werden.
Während ich Band I wirklich als Lehrbuch betrachte, das man von vorne bis hinten durchlesen sollte, erscheint mir Band II nicht so unverzichtbar. Band II ist für meine Begriffe eher so etwas wie ein Nachschlagewerk, aus dem man sich bei Bedarf Anregungen holen kann, wenn man mit Menschen mit entsprechenden Diagnosen zu tun hat.

Buchbesprechung – Schlippe, Schweitzer: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung