Buchbesprechung – Simpson, Robinson: The Simpson Protocol Instruction Manual

Der Hype, den die Anhänger einer bestimmten Hypnose-Schule um das Simpson Protocol veranstalten („Der Paradigmenwechsel in der Hypnose.“) hat mich zwar nicht zum Besuch eines Seminars motiviert, aber immerhin habe ich mir 2015 dieses Buch zugelegt, um einen Eindruck davon zu gewinnen, worum es dabei eigentlich geht. Das Buch war damals schon teuer, aber zumindest in der Hinsicht eine gute Investition: Heute wird es in etwa zum doppelten Preis verkauft.

Von den 125 Seiten ist fast die Hälfte leer, was wohl damit begründet wird, dass es sich um Seminarmaterial handelt und Seminarteilnehmer dort ihre Notizen machen.
Auf 12 der bedruckten Seiten beschreibt Ted Robinson EFT. Damit soll im Vorfeld Angst vor Veränderung, Angst vor Hypnose oder tiefen Trance-Ebenen genommen werden. Ich habe zwar schon Hypnose und Klopfen kombiniert, dann aber, um Themen, die in der Hypnose aufkamen, mit Klopfen zu bearbeiten. Im Vorfeld der Hypnose habe ich das so noch nie gebraucht. Ich teile auch die EFT-Vorannahme bzgl. Blockaden in den Energie-Meridianen nicht. Beschreibungen von EFT findet man jedenfalls anderenorts günstiger.

Was hat es nun mit diesem Paradigmenwechsel auf sich?
Esdaile-Zustand
Mitte des 19. Jahrhunderts führte der schottische Arzt James Esdaile, damals in Indien, seine Patienten mit Streichungen nach Franz Anton Mesmer in tiefe Trance-Zustände. Diese Trance-Tiefe, auch „hypnotisches Koma“ genannt, erlaubte ihm die Durchführung von Operationen ohne Schmerzreaktionen seiner Patienten. Das war noch vor der Entdeckung der chemischen Betäubungsmittel und insofern zu seiner Zeit eine bedeutende Entdeckung, die dann aber recht bald mit der Einführung der chemischen Betäubungsmittel in der Versenkung verschwand. Für spätere Hypnotiseure stellte dieser Zustand eher ein Problem dar, wenn er sich unbeabsichtigt einstellte.
Ungefähr ein Jahrhundert später hat Dave Elman einen (schnelleren – das mit den Streichungen konnte Stunden und Tage dauern) Weg beschrieben, in diesen Zustand rein und auch wieder raus zu kommen. Sinnvoll nutzen (außer operieren) konnte man diesen Zustand trotzdem nicht, zumindest nicht für interaktive Hypnose-Arbeit, weil Klienten in diesem Zustand einfach nicht mehr nach außen reagieren.

Interaktion im Esdaile-Zustand
Das Simpson Protocol schafft es mit einer hervorragenden Idee, Interaktion im Esdaile-Zustand zu ermöglichen: Es werden zunächst in der üblichen Hypnosetiefe Ideomotorische Fingersignale installiert. Und dann – vielleicht ein bisschen vergleichbar mit Ericksons „den Körper vom Hals abwärts einschlafen lassen“ – wird der Klient in den Esdaile-Zustand gebracht, aber mit der Anweisung, Hand / Arm auf der Seite mit den Fingersignalen auf jenem Level zu belassen, wo Signalisieren möglich ist.

Kann man nach diesem Manual arbeiten?
Einerseits ist das Buch als Manual für vollständige Sitzungen gedacht: Es wird kurz das Vorgespräch umrissen; es werden Variationen der Elman-Induktion und der „8-Worte“ oder „Hand Drop“ Blitz-Induktion beschrieben, mit Vertiefungen; Handschuh-Anästhesie als Convincer; Installieren der Fingersignale; die Elmansche „A-B-C“ Vertiefung; Testen des Esdaile-Zustands.
Dann werden verschiedene Arbeitsweisen beschrieben: Z.B. Eine „Grundlagenarbeit“, um sich von Anfang an, schon im Mutterleib, komplett geliebt, sicher und wertvoll zu fühlen. Das eigentliche Sitzungs-Thema wird aktiviert und mit einem ideomotorischen Fragenkatalog erforscht und bearbeitet. Solche Ideomotorik-Fragenkataloge haben m.W. ihren Anfang genommen bei David Cheek und werden z.B. von der Cheek-Schülerin Agnes Kaiser Rekkas auf deutsch beschrieben (z.B. in „Klinische Hypnose“ und „Der Bär fängt wieder Lachse“). Je nach Bedarf werden negative Erinnerungen überschrieben, bei Konflikten Gestalt-(Stuhl-)Arbeit angeleitet oder auch Vergebungsarbeit, all das auf ideomotorischer Basis. Bei vielen anderen möglichen Ursachen aus dem Fragenkatalog wird der Geist letztendlich einfach angewiesen, das Thema loszulassen, oder zumindest schon mal damit anzufangen. Schließlich wird geprüft, ob vom anfänglichen Thema noch etwas übrig ist zur weiteren Bearbeitung und ob ein Future Pace zufriedenstellend möglich ist.

Aber, trotz detaillierter Beschreibungen, mitsamt wörtlicher Rede, wird leider nicht 100%ig nachvollziehbar, wie das Simpson Protocol denn nun eigentlich abläuft.
Die Verwirrung beginnt für mich schon beim Weg in den Esdaile-Zustand: Bei Dave Elman ist es die „A-B-C Vertiefung“, die in diesen Zustand führt. Im vorliegenden Buch wird diese Vertiefung zwar auch aufgeführt, aber einfach nur als Vertiefung. Hier wird an entsprechende Stelle ein „Überbewusstsein“ angewiesen, die „morphischen Felder“ zu prüfen: Auf den Esdaile-Zustand und Ebenen für körperliche, spirituelle, emotionale und geistige Heilung, den „Seelenzustand“ und ein „High“, in dem eine geistige Führung / Begleitung anwesend ist.
Morphische Felder sind vermutlich die von Sheldrake, Esdaile-Zustand – okay, aber was genau hier mit „Überbewusstsein“ gemeint ist und mit diesen verschiedenen Ebenen, „Seele“ und „High“ und „geistige Führung“ wird nicht erläutert. Selbst wenn der Therapeut eine Idee hat, was es damit auf sich hat, wird ein Klient wohl ein etwas ausführlicheres Vorgespräch brauchen, bevor man mit so einer Ansage daher kommen kann.
Auch wenn die einzelnen Punkte detailliert beschrieben werden, bleibt die Darstellung des Gesamtablaufs doch konfus, was die Reihenfolge oder die Abhängigkeiten einzelner Schritte angeht. Allein anhand des Buches ist man darauf angewiesen, zu versuchen, sich das irgendwie sinnvoll zusammenzureimen. Und wenn man das tut, weiß man nicht, wieviel das Ergebnis mit dem „offiziellen Simpson-Protocol“ zu tun hat. Insofern ist die Antwort auf die Eingangsfrage letztendlich: Nein, dieses Manual alleine reicht nicht aus, um zu erfahren, wie genau das „offizielle Simpson-Protocol“ abläuft.

Was halte ich persönlich davon?
Ich persönlich habe das gemacht, dieses Zusammenreimen: das Material für mich selbst auf deutsch übersetzt und die Schritte in eine Abfolge gebracht, die mir sinnvoll erscheint (s.o.). Wieviel diese „Methode Pleiß“ nun noch mit dem Simpson-Protocol gemeinsam hat, kann ich nicht beurteilen; außer daß ich weiß, dass ich ein paar Dinge gestrichen habe, die mir zu esoterisch sind, wie z.B. morphische Felder oder die begleitende geistige Führung oder die bisher noch gar nicht erwähnten „Fortgeschrittenen-Fragen“ bzgl. interdimensionalen Erlebnissen, Meridianen und Chakren-Systemen, Aura etc. Trotzdem habe ich mit dieser abgespeckten „Methode Pleiß“ interessante positive Ergebnisse gesehen.
Den EFT-Teil finde ich komplett überflüssig.
Die Idee, wie der Esdaile-Zustand nutzbar gemacht wird finde ich großartig. Trotzdem halte ich den Begriff „Paradigmenwechsel“ hier für übertrieben.
Und ich zweifle auf der anderen Seite daran, ob das ganze Esdaile-, Convincer-, etc. Setup eigentlich wirklich nötig ist. Ob man nicht genausogute Ergebnisse einfach mit ideomotorischen Signalen in leichter Trance erhalten kann. Bei der Subliminal Therapy wird auch ein Überbewusstsein zur Problemlösung angeleitet, und das geht, wenn man möchte, sogar ganz ohne formale Trance-Einleitung.
Insofern: „SP“ wird nicht mein Modus Operandi, ich möchte aber zumindest die eine oder andere Anregung aus der Auseinandersetzung damit nicht missen.
Und so verkaufe ich das Manual jetzt auch nicht wieder, nicht einmal zum doppelten Preis 😉

Buchbesprechung – Simpson, Robinson: The Simpson Protocol Instruction Manual
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