Buchbesprechung – Courtney Armstrong: The Therapeutic „Aha!“

Auch wenn dieses Buch, entsprechend dem Untertitel, Kapitel mit „10 Strategies for Getting Your Clients Unstuck“ beinhaltet, konzentriere ich mich hier auf den „PART II: HEALING EMOTIONAL WOUNDS“ mit den Kapiteln „FOUR Locating the Root of an Emotional conflict“ und „FIVE Reversing Trauma With Memory Reconsolidation“.
Insgesamt ist dieses Buch auf einem aktuellen Stand der Neurophysiologie und für mich wurde es besonders dadurch interessant, dass es eines der wenigen ist, das bereits die Erkenntnisse zur Memory Reconsolidation adaptiert und therapeutisch nutzbar macht.

Die Autorin erklärt: Typischerweise suchen Klienten therapeutische Hilfe, wenn eine bewusst erwünschte Veränderung nicht gelingt, weil frühere emotionale Lernerfahrungen dagegen arbeiten. Bei (früheren) emotional stark aufgeladenen Erlebnissen werden die Gehirnteile deaktiviert, die diese Lernerfahrung in den passenden Kontext einsortieren (Hippocampus und präfrontaler Kortex). Wenn solche impliziten Erinnerungen ausgelöst werden, erzeugen sie Verhalten, Empfindungen und Gefühle, so wie wenn das ursprüngliche Erlebnis gerade jetzt wieder passieren würde. (Das erinnert mich an die Anteile bei Edwin Yagers Subliminal Therapy, die in der Zeit steckengeblieben sind, in der sie entstanden sind.)
Die Autorin beschreibt im vierten Kapitel die Affektbrücke als Methode, um Zugang zu solchen früheren Lernerfahrungen zu gewinnen. Sie legt dabei großen Wert auf die körperlichen Empfindungen („felt sense“), durch die sich ein verkörpertes Glaubenssystem („embodied belief“) äußert. Im Gegensatz zu hypnotischen Regressionsmethoden geht es dabei nicht um das voll assoziierte Wiedererleben früherer Szenen, im Gegenteil:

„… unlike Watkins instructed in the 1970s, we now know it is not necessary for the client to fully relive the memory to resolve it. In fact, such abreaction can trigger hyperarousal or hypoarousal of the nervous system in the form of flashbacks and dissociation, which prevents the hippocampus from integrating implicit memory into explicit context. Instead, guide your client to maintain dual awareness of the present moment and stay within a level of arousal that feels tolerable …“

deutsche Übersetzung von Detlef Pleiss: „… im Gegensatz zu Watkins’ Anleitung aus den Siebzigern wissen wir heute, dass es nicht erforderlich ist, dass der Klient eine Erinnerung vollständig wiedererlebt, um sie aufzulösen. So eine Abreaktion kann zu einer Über- oder Unter-Erregung des Nervensystems führen, in Form von Flashbacks oder Dissoziation, die letztendlich verhindern, dass der Hippocampus die implizite Erinnerung in den expliziten Kontext integriert. Leite Deine Klienten stattdessen zu einer doppelten Aufmerksamkeit an, bei der sie sich gleichzeitig auch der gegenwärtigen Situation gewahr sind und bei der die Erregung in einem erträglichen Mass bleibt …“

Im fünften Kapitel erläutert die Autorin zunächst die Entdeckung der Memory Reconsolidation, um dann ihren „RECON“ Prozess vorzustellen, der auf dieser Grundlage (ggf. alte) traumatische Erinnerungen emotional überschreibt. Dazu gehört zum einen, wie vorher beschrieben, die Untersuchung zugrunde liegender emotionaler Lernerfahrungen und ihrer verallgemeinerten Lerninhalte (das Glaubenssystem). Dann kommt dazu aber die Aktivierung eines ruhigen positiven Zustands, indem z.B. imaginiert wird, welche Reaktion der Klient sich anstelle der früheren wünscht. Schließlich geht es darum, eine entsprechende Erinnerung zu beschreiben, dabei aber emotional in der Gegenwart zu bleiben. Dieser Unterschied in der Erfahrung schaltet die Memory Reconsolidation ein, so dass schließlich die alte Lernerfahrung mit neuer positiver Bedeutung überschrieben werden kann.
In dem Zusammenhang erwähnt die Autorin noch eine interessante Intervention aus der „Rapid Resolution Therapy“ (Traumabehandlung) von Jon Connelly:
Man erzählt dem Klienten seine Geschichte zurück und erklärt ihm, dass man dabei absichtlich Fehler einbaut, die er bitte korrigieren soll.
Damit bringt man zum einen den Klienten dazu, sich auf die Fakten zu konzentrieren (und dabei emotional in der Gegenwart zu bleiben, ohne sich von Gefühlen überfluten zu lassen). Des weiteren kann man Fehler derart einbauen, dass die ursprüngliche Bedeutung, die der Klient aus der Erfahrung gezogen hat, übertrieben wird. Dies gibt dem Klienten die Gelegenheit, genau das zu korrigieren – und das ist natürlich wesentlich wirksamer, als wenn er direkt vom Therapeuten neue Bedeutungen vorgesetzt bekäme.

Auch wenn ich mich jetzt nur auf diese zwei Kapitel konzentriert habe, insgesamt ein unbedingt lesenswertes Buch!

(und es hat mich neugierig gemacht, vielleicht irgendwann, irgendwie, mal noch mehr über diese „Rapid Resolution Therapy “ zu erfahren.)

Buchbesprechung – Courtney Armstrong: The Therapeutic „Aha!“