Buchbesprechung – Jess Marion: Conversational Regression

Dieses Werk aus der „NLP Mastery Series“ befasst sich mit Regression oder in NLP-Sprache mit dem „Reimprinting (Neuprägung) von Erinnerungen“. Wie bei den anderen Büchern aus dieser Serie wird hier genau eine Vorgehensweise detailliert betrachtet, im Gegensatz zu vielen anderen NLP-Büchern, die mehrere verschiedene Prozesse beschreiben, aber eben nur mehr oder weniger kurz.

Im einleitenden Kapitel über die Geschichte regressiver Verfahren wird kurz auf die Dave-Elman Nachfolger eingegangen:

During Erickson’s time, there was another branch of hypnosis coming into its own in the modern era that focused on the use of rapid inductions and direct suggestions. Although labeled classical hypnosis – meaning reflecting the original tradition of hypnosis as found in the works of such greats as Braid and Esdale – classical hypnosis went through a renaissance in the mid-20th century. Hypnotists, including the legendary Gil Boyne and his contemporaries, utilized direct suggestions combined with the affect bridge (which we explore later) to take clients back to the initial sensitizing experience, the ISE, to release emotions and let go of the problem.
In this type of regression work, and hypnosis as a whole, it is clear that the hypnotist is guiding the experience and the client is moved through a specific procedure where little variation is required. This approach is very popular today among some hypnotists and has become a part of the curriculum of some hypnosis schools.

Im Gegensatz dazu steht dieses Buch eher in der NLP-Tradition von Leary und Dilts bzw. darauf aufbauend wird die Vorgehensweise von John Overdurf betrachtet, der das Ganze weniger formal auf Gesprächsebene durchführt.

Ich persönlich kann mich eher mit der Gedankenwelt aus dieser Richtung anfreunden. Im Gegensatz zu „regress to cause and fix it“ ist der Grundgedanke hier nicht, dass man die eine bestimmte Ursache eines Problems in der Vergangenheit finden müsste oder überhaupt könnte, sondern die auftauchenden Erinnerungen werden als Metaphern aufgefasst, die das Unterbewusstsein zu einem bestimmten Thema hervorbringt.
Zunächst einmal befasst sich ein ganzes Kapitel mit der Neurobiologie hinter dem Reimprinting. Dieses Buch gehört zu den leider immer noch wenigen, in denen das Phänomen der Memory Reconsolidation bekannt ist. Dies wird, meiner Ansicht nach zutreffend, als neurobiologischer Hintergrund des Reimprinting angeführt.

Auf diesem Hintergrund wird zunächst mit ein paar Irrtümern aufgeräumt, bevor die Schritte dieser Vorgehensweise im Einzelnen betrachtet werden, z.B.:

One of the major concerns that many regression practitioners have is finding the initial sensitizing event, or ISE. They worry whether they dig deep enough into a client’s past to find the ISE; otherwise, the change may not take. Speaking from the perspective of neuroscience and what we know about how memory works, there is no evidence supporting the necessity or even the possibility of finding an objective and accurate ISE. Memory reconsolidation first and foremost ensures that there is no possible way of knowing what the true ISE was. In fact, even if you find the original event, the odds are that the details recalled are not objectively accurate. The client has had any number of years of experience adding new information to that memory.

Weitere Abschnitte befassen sich hier mit den Themen „False Memories“ und der Idee von „Repressed Memories“. Nicht zuletzt werden in einzelnen Kapiteln auch Indikationen und Kontraindikationen für Regressionsarbeit besprochen.

Der grösste Teil des Buches befasst sich natürlich mit den einzelnen Schritten der Vorgehensweise:

  1. Assoziation in den negativen Zustand, Aktivierung der Erinnerung, die neugeprägt werden soll.
  2. Dissoziation aus diesem Zustand heraus als Voraussetzung für den nächsten Schritt:
  3. Kraftquellen hinzufügen: Assoziation in kraftvolle Zustände, die in die Erinnerung eingebracht werden.
  4. Assoziation in die neue Erinnerung – nur wenn es auch angemessen ist.

Nach dem anfänglichen Überblick über die Vorgehensweise werden die einzelnen Schritte in jeweils eigenen Kapiteln ausführlich behandelt.
Wenn es um die anfängliche Assoziation in eine passende Erinnerung geht, ergibt sich aus der gedanklichen Grundlage von „Metapher“ und Memory Reconsolidation z.B., dass eine volle Regression nicht erforderlich ist, sondern ein Wiedererleben mit einer gewissen körperlichen Reaktion ausreichend ist. Es werden eine Reihe Methoden erläutert, wie man dem Klienten hilft, in sein Erleben zu assoziieren und ebenso Methoden, sich von diesem Erleben wieder zu dissoziieren.
Einem Thema, das in einem Buch über Regressionsmethoden nicht fehlen darf, wird ein eigenes Kapitel gewidmet: Der Umgang mit Abreaktionen.
Wenn es dann schliesslich um das eigentliche Reimprinting der Erinnerung geht, werden nicht nur dem jüngeren Ich Kraftquellen geschenkt, sondern genauso auch anderen anwesenden Personen, die in der Erinnerung eine Rolle spielen. Ein für mich persönlich neuer aber einleuchtender Aspekt ist, auch Personen zu bedenken, die nicht anwesend waren, aber anwesend hätten sein sollen. Ich denke, das ist ein kleines feines Detail, das in so mancher Situation den entscheidenden Unterschied machen kann.
Einem weiteren Aspekt, der bei Regressionsarbeit oft wichtig ist, wird ein eigenes Kapitel gewidmet: Der Vergebung – wie man sie erreichen, aber nicht erzwingen kann; wie sie manchmal wichtig und in anderen Fällen überhaupt nicht angezeigt sein kann.

Nachdem so das „normale“ Vorgehen in allen Details beleuchtet wurde, kommt das Kapitel, das speziell für Hypnotherapeuten interessant ist; in dem nämlich eine Variante der Vorgehensweise für die Arbeit in hypnotischer Trance, unter Zuhilfenahme von Arm-Levitation, beschrieben wird.
Weitere Kapitel befassen sich mit Varianten wie z.B. einer „Deep Trance Identification“ (Titel eines anderen Buches von Shawn Carson und Jess Marion mit John Overdurf), einem Reimprinting für Raucher: Der „Qualm-Zerstörer“ oder einem Reimprinting mit anderen Menschen im Mittelpunkt, für Klienten, die eine Ursache für ihr Thema in etwas sehen, was einer anderen Person passiert ist, oder die einem solchen Ereignis eine negative Bedeutung für sich selbst zumessen.

Dann gibt es noch ein Kapitel, das sich mit einer ganz anderen Perspektive in die Vergangenheit befasst, nämlich mit Erickson’s „Early Learning Set“, mit dem frühe Lernerfahrungen als Kraftquelle aktiviert werden – z.B. wie man Lesen und Schreiben gelernt hat, oder Fahrrad fahren.

Schliesslich gibt es noch ein Kapitel, in dem ein paar eher experimentelle Methoden beschrieben werden, die sich z.B. nicht mit der Neuprägung von Erinnerungen aus dem autobiografischen Gedächtnis befassen, sondern die auf verschiedene Arten und Weisen mit dem impliziten Gedächtnis arbeiten. Eine davon ist (ausdrücklich) „ausgeliehen“: Sie arbeitet in Anlehnung an die Vier-Schritte-Methode, mit der Jeffrey Schwartz Erfolge bei Zwangserkrankungen erzielen konnte.

Fazit: Ein sehr umfangreiches und detailliertes Buch zum Thema Regressionsarbeit; nicht unbedingt für Anfänger: Auch dieses Buch der „NLP Mastery Series“ setzt Grundkenntnisse in NLP und, wenn man damit arbeiten möchte, Hypnose voraus; dann bietet es aber auch erfahrenen Praktizierenden einen frischen Blickwinkel auf möglicherweise schon lang bekannte Vorgehensweisen.

Buchbesprechung – Jess Marion: Conversational Regression