Buchbesprechung – Hill, Rossi: The Practitioners‘ Guide to Mirroring Hands

Was Neues von Ernest Lawrence Rossi?! Wenn Sie im Hypnose-Umfeld unterwegs sind, dürfte Ihnen der Name bekannt vorkommen – ja, es ist der Rossi von den Milton Erickson Büchern. Der Rossi, der später zusammen mit David Cheek zu dessen Vorgehensweise mit ideomotorischen Fingersignalen schrieb. Da war ich natürlich sehr gespannt, als Ende letzten Jahres dieses neue Buch von ihm herauskam.

Das vorliegende Buch enthält neben der Beschreibung der Vorgehensweise „Mirroring Hands“ ein Kondensat der Themen mit denen sich Rossi zwischenzeitlich beschäftigt hat:

Die natürlichen Prozesse, Zyklen, Rhythmen des Lebens

Zum einen interessant für das Setting, in dem Therapie stattfindet: Es werden Forschungen angeführt, die zeigen, dass es einen natürlichen Rhythmus von Anspannung und Entspannung über 90 bis 120 Minuten gibt, der entsprechend ca. 12mal am Tag auftritt. Den kann und sollte man sich zunutze machen, indem man Prozesse nicht nach einer künstlichen Zeitbegrenzung von 45, 50 oder 60 Minuten abbricht.

When Erickson conducted therapy, the sessions would regularly extend beyond the standard hour. When asked why he did this, he replied that it just seemed to take that long to get something done! Because Erickson’s focus was on the client, he would continue to work until the client gave some implicitly motivated indication that they had done enough for that session. This might be a body movement, a deep sigh, or a shift in focus and attention, such as the client’s eyes flicking away from the therapist or looking down. The signal varied, but the message was clear: the client had completed their work for now. This shift would most regularly occur at around 90-120 minutes.

Das deckt sich auch mit meiner Erfahrung: Wenn ich vom Klienten die Erlaubnis habe, die 60 Minuten zu überschreiten, dann ergibt sich meist innerhalb von anderthalb bis maximal zwei Stunden ein natürlicher Abschluss, der für diese Sitzung als rund empfunden wird.
Ein weiterer Zyklus, der in den Vorgehensweisen in diesem Buch immer wieder aufgezeigt wird, ist der 4stufige Kreativ-Zyklus:

Stage 1: Information. Gathering information and data – what is this all about?
Stage 2: Incubation. Working out what the problem is really all about – how does this affect me? What does this mean to me?
Stage 3: Breakthrough and Illumination. A flash of insight, resolution, or revelation (an a-ha moment) followed by an expansive and creative response to change – things make sense now and I can create something better in my life!
Stage 4: Verification. The whole experience is quietly reviewed, considered, and the benefits integrated into everyday life – I understand, appreciate, and accept what I have learned.

Noch mehr Drumherum

Ein Kapitel widmet sich der zugrundeliegenden systemischen Haltung. Für mich persönlich entspricht das dem, was ich meinen Ausbildungen „aufgesogen“ habe, deshalb hier nur ein paar Stichworte dazu:
komplexe Systeme, non-lineare Dynamik, Selbstorganisation, adaptive Komplexität, Chaostheorie, Un-/Ordnung, Attraktoren, natürliches Problem-Lösen und Geist-Körper-Heilung, Emergenz.
Ein weiteres Kapitel befasst sich mit Sprachprinzipien — die man auch schon kennt, wenn man ein bisschen was von der Erickson-Literatur gelesen hat.

Der Untertitel

A Client-Responsive Therapy that Facilitates Natural Problem-Solving and Mind-Body Healing

fasst gut die Grundlagen der in diesem Buch vorgestellten Vorgehensweise zusammen:
„client-responsive“ (klientenzentriert) ist für mich persönlich eine selbstverständliche Grundlage, wie ich sie in meinen Ausbildungen gelernt habe: Mit der eigenen Aufmerksamkeit beim Klienten sein, auf dessen verbale und non-verbale Signale eingehen, sich von Klienten leiten lassen – anstatt einem Manual oder Skript zu folgen, dem man dann womöglich mehr Aufmerksamkeit schenkt als dem individuellen Menschen den man vor sich hat (Ein ganzes Kapitel widmet sich diesem Thema). Es ist ein natürlicher Prozess, der sich ggf. mit entsprechender Unterstützung entfalten kann, s.o. der „Kreativ-Zyklus“. Und nicht zuletzt das Zusammenspiel von Körper und Geist, aufgrund dessen z.B. einerseits körperliche Reaktionen mit mentalen Vorgehensweisen beeinflusst werden können, andererseits aber gerade auch bei dieser Methode geistige Vorgänge körperlichen Ausdruck in Form von Bewegungen der Arme und Hände finden.

Mirroring Hands

So … aber um was für eine Vorgehensweise geht es denn jetzt hier eigentlich?
Man kann hier nicht von einer Hypnose-Methode im engeren Sinne sprechen, weil eine formale Trance-Induktion nicht dazu gehört.
Aber mit einer Fokussierung der Aufmerksamkeit auf Arme und Hände, mit Neugier darauf, was wohl passiert, wenn man die Hände in einem kataleptischen Zustand dem Unterbewusstsein überlässt, wird natürlich ein Trance-Zustand angestossen.
Rossi rückt hier bewusst ab von ideomotorischen Fingersignalen, die er als unzuverlässig ansieht und auch von Handlevitation, die nicht jeder hinkriegt. Er sagt, dass es für Klienten aber einfach ist, den Händen Bedeutung zuzuordnen; und letztendlich arbeitet Mirroring Hands dann wiederum doch mit ideomotorischen Bewegungen, aber eben nicht der Finger, sondern der ganzen Arme und Hände.

„Can you get a sense of which hand feels like it is expressing your problem?“ And that was very easy for people, whether they believed they were experiencing hypnosis or not! Hand levitation had its problems – not everyone can do it. Fingers weren’t reliable, but everyone could suddenly experience, „Oh yeah, this hand feels like the problem …“
… „If you have your problem in one hand, what do you have in the opposite hand?“ …

Neben einer allgemeinen Beschreibung, wie man mit den „Widerspiegelnden Händen“ den genannten „Kreativ-Zyklus“ durchlaufen kann, werden vier Varianten der Vorgehensweise beschrieben:
* „Was ist und was sein kann“: Ein interner Review eines Themas und seiner Lösungsmöglichkeiten;
* „Beide Seiten des Spiegels halten“: um mit der Betrachtung von Gegensätzen Potenziale und Möglichkeiten zu enthüllen;
* „Die Tür schliessen“: um Negatives loszulassen und Raum für Positives zu öffnen;
* „Symptom-Skalierung“ für die Gelegenheit, wenn der Klient ein Symptom gerade aktuell in der Sitzung erlebt.
All das wird mit einer ganzen Reihe von Fallbeispielen von Rossi oder von dessen Schüler Richard Hill abgerundet.
Am Ende gibt es noch ein Kapitel zur persönlichen „Solo“ Anwendung von „Mirroring Hands“.

Quanten …

Irgendwann kommen dann noch „Quanten“ ins Spiel und im Anhang findet sich eine „Einheitliche Quantenfeld-Theorie von Physik, Mathematik, Biologie und Psychologie“.
Da bin ich ehrlich gesagt raus: Ja, Quantentheorie ist faszinierend, hat vielleicht auch was mit unserem Bewusstsein zu tun.
Aber trotzdem reagiere ich allergisch auf Versuche, psychische Vorgänge mit „Quanten“ zu erklären – auf jeden Fall solange der Zusammenhang hauptsächlich darin besteht, dass man weder das eine noch das andere so recht verstehen kann.
Vielleicht tue ich den Autoren damit unrecht; ich weiss es nicht so genau; ich hab das nicht so richtig gelesen.

Fazit

Ein Grossteil des Buches enthielt für mich persönlich nicht viel Neues, was bei mir natürlich mit der Vorbildung im systemischen, Hypnose-, Erickson-, hypnosystemischen Umfeld zu tun hat. Wenn man mit diesen Bereichen noch nicht so viel Kontakt hatte, bietet dieses Buch durchaus einen guten Überblick über die therapeutische Haltung, die theoretischen Grundlagen und die praktischen Sprachmuster aus diesem Umfeld.
Ich fand schon damals, als ich in meiner Jugend die Erickson-Bücher von Rossi gelesen habe, den Text ziemlich aufgebläht: Wenn zu einem einzigen Satz des „Meisters“ Erickson ein ganzer Abschnitt an Erläuterung hinzukommt, warum dieser Satz so meisterhaft bedeutungsschwanger auf vielerlei Ebenen formuliert wurde – das fand ich schon damals übertrieben und finde es heute immer noch.
Ein bisschen fühle ich mich daran auch bei diesem Buch wieder erinnert: Es wird sehr weit ausgeholt, um die Vorgehensweise zu untermauern. Die Darstellung der Vorgehensweise ist dann teilweise auch auf die theoretischen Kapitel verteilt; andererseits werden an verschiedenen Stellen immer wieder die gleichen Vorgehensweisen und sehr ähnliche Formulierungen wiederholt … So blieb es schliesslich noch ein ganzes Stück Arbeit, aus diesem Buch die eigentliche Vorgehensweise für mich übersichtlich zusammenzufassen. Die Vorgehensweise an sich ist dann aber einleuchtend und vielversprechend und wird sicherlich ihren Platz in meinem „Werkzeugkasten“ finden.

Buchbesprechung – Hill, Rossi: The Practitioners‘ Guide to Mirroring Hands
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