Überleben mit Misophonie

Wenn Du diesen Beitrag liest, hast Du vermutlich zumindest den Begriff Misophonie schon einmal gehört.
Und damit vielleicht auch schon herausgefunden, dass Du mit dieser „Macke“ gar nicht so allein bist, wie Du möglicherweise lange angenommen hast.
In der Tat: Es scheint, dass 10% bis 15% der Bevölkerung von diesem Thema betroffen sind. Und trotzdem kennt noch kaum jemand dieses Phänomen oder dass es überhaupt einen Namen hat.

Du bist nicht der Einzige auf der ganzen Welt mit dieser komischen Geräuschempfindlichkeit; lange nicht!

Misophonie ist noch wenig erforscht, aber die aktuell überzeugendste Theorie besagt, dass es sich wie mit einem konditionierten Reflex in alten Gehirnteilen („Reptiliengehirn“) verhält. Das Gehör ist von der Evolution her so angelegt, dass Geräusche sehr schnell und automatisch Aufmerksamkeit auf sich ziehen können und ebenso schnell und automatisch, eben reflexhaft, Flucht- oder Kampf-Reaktionen hervorrufen können, mitsamt den zugehörigen Gefühlen. Des weiteren ist das Gehirn so verschaltet, dass starke Gefühle bedeuten: „Achtung, das ist wichtig! Das muss ich mir besonders gut merken!“. Damit werden die Nervenbahnen dieses Reflexes jedesmal weiter verstärkt, wenn ein Trigger die zugehörige Reaktion auslöst.
Misophonie entsteht also auf der Grundlage ganz normaler Gehirnfunktionen, die letztlich Lernen ermöglichen. Leider wurde da etwas gelernt, was im Alltag eher hinderlich ist.

Du kannst nichts dafür, für Deine Reaktion, und nichts dagegen. Der Reflex passiert, bevor Du Dich bewusst dafür oder dagegen entscheiden („zusammenreissen“) könntest. Misophonie ist schon blöd genug, Du brauchst Dich nicht auch noch selber dafür fertig zu machen, z.B. mit Schuldgefühlen oder Selbstzweifel, was denn bloss mit Dir nicht in Ordnung wäre.

Jedesmal wenn Trigger und Reaktion ablaufen, wird das Problem vertieft. Deshalb ist eine Behandlung wie bei einer Phobie, sich dem Reiz auszusetzen, bis man sich „daran gewöhnt“ hat, hier nicht angezeigt; denn diese Gewöhnung tritt bei Misophonie nicht ein. Im Gegenteil, das Problem wird eher verstärkt, wenn man das versucht. Misophonie „wächst sich“ deshalb auch nicht mit der Zeit „aus“, gibt sich nicht von selbst, sondern wird meistens im Laufe der Zeit immer schlimmer, wenn man nichts dagegen unternimmt.

Auch wenn wir in der Hypnose daran arbeiten, diesen Reflex aufzulösen, sind die folgenden Tipps immer noch hilfreich, damit der Alltag der Hypnosewirkung nicht entgegenwirkt.

Vermeide nach Möglichkeit, getriggert zu werden!

Was bei anderen Problemen eher nicht hilft, ist hier erlaubt und erwünscht: Fliehen und Vermeiden.
Um das Hören von Triggern zu vermeiden:

Verwende Ohrhörer oder Noise Cancelling Kopfhörer!

Insbesondere in Situationen, in denen mit Triggern zu rechnen ist, z.B. in öffentlichen Verkehrsmitteln. Aber am besten auch in Situationen, in denen es nicht von vornherein so sozialverträglich ist, wie z.B: beim Essen. Dabei kann helfen zu erklären, warum Du das machst:

Sprich über Misophonie!

Am besten nicht vorwurfsvoll zu der betreffenden Person, wenn Du gerade getriggert bist, sondern im Vorfeld neutral erläuternd, warum Du z.B. Ohrhörer beim Essen trägst. Z.B.:
„Ich leide an einer neurologischen Problem mit dem Namen Misophonie. Einige ganz normale Geräusche wirken als Trigger und lösen bei mir einen unangenehmen Reflex und extreme negative Gefühle aus. Es fühlt sich an wie ein körperlicher und emotionaler Angriff, so als ob mir jemand eine Ohrfeige verpasst (mich in die Rippen sticht, oder wie ein Stromschlag – so wie es sich für Dich anfühlt). Wenn ich den Trigger höre, bin ich emotional derartig aufgewühlt, dass ich mich auf gar nichts anderes konzentrieren kann.“

Aber:

Schotte dich nicht dauerhaft tagsüber mit Ohrstöpseln ab!

Das Hörsystem ist darauf ausgelegt, das es Input bekommt. Wenn der ausbleibt, werden die „inneren Verstärker“ im Gehirn hochgedreht. Das wäre ein Rezept, erhöhte Geräuschempfindlichkeit bis hin zur Hyperakusis zu entwickeln!

Spiele gleichbleibende Geräusche ab!

Denn Musik hat lautere und leisere Passagen und auch mal Pausen, wo Trigger dann doch wieder durchkommen können. Folgende Apps habe ich für Android gefunden: (Ich habe keine intensive Suche oder Vergleiche betrieben, das sind einfach die ersten Apps, die ich gefunden habe, mit denen man auch kostenlos etwas anfangen kann.)

  • „White Noise Lite“ von „TMSOFT“ : enthält nicht nur Rauschen, sondern auch viele beruhigende Naturgeräusche;
  • „Widex Zen Tinnitus“ von „Widex A/S“ : mit einer deutschsprachigen Anleitung für Progressive Muskelentspannung, aber auch einer Reihe von gut brauchbaren Geräuschen.

Kürzlich bin ich noch über eine nette Alternative im Internet gestolpert:

Sorge für eine geräuschvolle Umgebung!

Wenn Radio oder TV laufen, ist es leichter, sich abzulenken und auf etwas anderes zu konzentrieren, als wenn es nur „Schmatzen in Totenstille“ gibt.
Manche lassen zu diesem Zweck z.B. auch Ventilatoren laufen.

Schaffe Dir eine triggerfreie Oase!

… einen Raum und eine Zeit nur für Dich, wo Du Dich entspannen kannst, weil Du genau weisst, dass Du nicht getriggert wirst. Das muss man individuell beurteilen und ggf. neu planen und einrichten.

Lerne Entspannung!

Ohne vorhergehende Übung ist Entspannung im getriggerten Zustand nicht möglich. Deshalb muss Entspannung in „normalen“ Zeiten systematisch geübt werden, damit sie dann bei Triggern ebenso reflexhaft zur Verfügung steht und abgerufen werden kann, um die Reaktion schneller wieder runterzufahren.
Eine deutschsprachige Anleitung zur Progressiven Muskelentspannung findet sich z.B. in der App

  • „Widex Zen Tinnitus“ von „Widex A/S“

[Wenn wir mit Hypnose arbeiten, bekommst Du noch einen sogenannten „Anker“, mit dem Du die Entspannung aus dem Trance-Zustand im Alltag wieder abrufen kannst]

Das Reptiliengehirn ist und bleibt ja durchaus lernfähig. Deshalb kann es im Laufe der Zeit lernen, die Reaktionen auf die Trigger auch wieder runterzufahren, wenn konsequent wiederholt auf eine Triggerreaktion Entspannung folgt (der entspannte Körper meldet zurück: „keine Gefahr“).
Auch wenn es putzig klingt, hat es doch wahrhaftig schon Manchem geholfen, bei Triggern innerlich das Reptiliengehirn anzusprechen mit:

„keine Gefahr, trotzdem danke!“

Literatur

  • Thomas H. Dozier: Understanding and Overcoming Misophonia, 2nd edition
  • oder die deutsche Übersetzung der 1. Auflage:

  • Thomas H. Dozier: Misophonie verstehen und überwinden
  • Teile dieser Übersetzung findet man auch auf der Webseite des Übersetzers (Andreas Seebeck):

  • http://misophonie-aktuell.de
  • Detlef Kranz: Hypnotherapie bei Tinnitus
Überleben mit Misophonie
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