Buchbesprechung – Detlef Kranz: Hypnotherapie bei Tinnitus

Ich bin auf dieses Buch im Rahmen meiner Recherchen zum Thema Misophonie gestossen, insofern es da bei den Behandlungs-Möglichkeiten sicherlich Überschneidungen zum Tinnitus gibt (z.B. Umlenkung der Aufmerksamkeit). (Ich habe natürlich auch nichts dagegen, mit Tinnitus-Patienten zu arbeiten.)

Der Dipl.-Psych. Detlef Kranz, geb. 1952, hat in diesem Werk wohl seine gesammelten Erfahrungen zum Thema „Hypnotherapie bei Tinnitus“ niedergelegt. 1997 lernte er klinische Hypnose an der Milton Erickson Gesellschaft und ist seit 2009 Mitarbeiter in der Tinnitusklinik Prof. Dr. Hesse in Bad Arolsen. Der Autor spricht also aus mindestens etwa einem Jahrzehnt Erfahrung mit dem Thema.

Bei der Literatur dieses Buches war mir manchmal nicht klar, an welche Zielgruppe es sich wendet. Ich bin zunächst davon ausgegangen, dass es sich an bereits erfahrene Hypnotherapeuten wendet, um für diese das Spezialthema Tinnitus zu beleuchten. Dazu passt dann allerdings nicht der Anfang des Buches, wo die historische Entwicklung der Hypnose betrachtet wird und die wissenschaftlichen Belege hinter der Hypnose. So etwas würde ich eher in einem allgemeinen Einführungsbuch zur Hypnose erwarten, das sich an Menschen richtet, denen das Thema Hypnose neu ist. Das kann m.E. aber auch nicht die Zielgruppe dieses Buches sein, weil trotz vieler wörtlich wiedergegebener Beispiele (und Audio-Aufnahmen von Sitzungen auf der beigelegten CD) wird man nicht alleine aufgrund dieses Buches in der Lage sein, Hypnosesitzungen durchzuführen, wenn man nicht in irgendeiner Weise schonmal Hypnose erlernt hat.
Das dritte Unterkapitel geht dann aber speziell auf das Thema Tinnitus ein, dessen neurologische Hintergründe, inwiefern Psychotherapie überhaupt angezeigt ist und welche Therapieziele wichtig und realistisch sind.
Es geht in diesem Buch um die Behandlung des chronischen dekompensierten Tinnitus. Im akuten Stadium können vielleicht medizinische Behandlungen den Tinnitus noch zum Verschwinden bringen. Die psychotherapeutische Behandlung setzt dann an, wenn der Tinnitus dadurch nicht verschwunden ist, sondern chronisch wurde. Hier macht Detlef Kranz ganz deutlich, dass man auch den Patienten deutlich machen muss, dass es dann nicht mehr darum geht, das Ohrgeräusch selbst zum Verschwinden zu bringen. In dieser Phase wäre es eher ein Rezept zur Verschlimmerung, wenn man sich darauf konzentrieren wollte, das Ohrgeräusch „magisch“ hypnotisch zum Verschwinden zu bringen. Was aber gut möglich ist, ist das Leiden daran in den Griff zu bekommen und so statt einem dekompensierten einen kompensierten Tinnitus zu bekommen, mit dem der Patient möglichst gut klarkommt.

„Das Beharren darauf, dass der Tinnitus auslöschbar sein müsse, ist nach klinischer Erfahrung der bedeutendste Faktor für die Aufrechterhaltung des Leidens, der Lösungswege verbaut.“

Sehr interessant finde ich das zweite Kapitel, in dem es um die medizinischen Hintergründe geht. Dabei geht es darum, was der HNO-Arzt untersuchen sollte; es wird z.B. auch konkret erläutert, wie Audiogramme (Hörtests) zu lesen sind. Es geht um den notwendigen Wechsel der Behandlungsstrategie zwischen akutem und chronischem Tinnitus. Es geht um Aufklärung über medizinische Hintergründe, um womöglich unzutreffende Sorgen und Befürchtungen des Patienten zu zerstreuen. Eigentlich sind das medizinsche Themen, mit denen der Psychotherapeut theoretisch nichts zu tun hat. Hier sind sie dennoch wichtig, weil:

„Obwohl Ohrgeräusche primär in den Bereich der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde fallen, findet beim HNO-Arzt ein Counseling über Ohrgeräusche selten statt. Viele Patienten werden an den Psychotherapeuten oder an eine Rehabilitationseinrichtung verwiesen, ohne dass der erste Schritt – eine basale Aufklärung hinsichtlich des Hörbefundes und den Wahrnehmungsbesonderheiten des Tinnitus – erfolgt ist. So sind Psychotherapeuten oft gefordert, eine Grundlagenvermittlung zu leisten, die sich der Patient eigentlich vom HNO-Arzt gewünscht hätte.“

Kapitel 3 widmet sich dann dem Einstieg in die Tinnitusbehandlung: Wie wird exploriert? Wann besteht eine Indiktation für Hypnotherapie und, ebenso wichtig, wann eine Kontraindikation?

In Kapitel 4 wird näher behandelt, welches realistische Behandlungsziele sein können und die Therapieplanung. Hier wird zuerst eine Unterscheidung eingeführt, die sich später bei den einzelnen Interventionen wiederfindet: die Unterscheidung zwischen symptomorientierter und problem- und konfliktorientierter Hypnotherapie. Bei der Symptomorientierung geht es darum, die Wahrnehmung und Bewertung des Ohrgeräuschs zu verändern und zu lernen, die Aufmerksamkeit davon weg zu lenken. Dies ist oft der Einstieg, entsprechend dem typischen anfänglichen Wunsch der Patienten. Diese können so überhaupt erst einmal erleben, dem Tinnitusgeschehen nicht hilflos ausgeliefert zu sein. Das ist aber oft nicht ausreichend für einen nachhaltige Therapieerfolg. Mit solchen anfänglichen Erfolgserlebnissen sind Patienten dann aber eher bereit, auch dahin zu schauen, inwiefern ihre Lebensführung, Konflikte usw. Einfluss auf das Ohrgeräusch haben.

Kapitel 5 setzt sich dann näher mit dem Thema Hypnose auseinander: Wie wird eine Sitzung aufgebaut? Wie wird eine Trance eingeleitet? Trancesprache; direkte und indirekte Vorgehensweisen.

In den Kapiteln 6 und 7 werden dann die einzelnen Interventionen beschrieben, entsprechend der Unterteilung in Kapitel 4 zunächst symptomorientierte Vorgehensweisen und dann problem- und konfliktorientierte Vorgehensweisen. Jede Vorgehensweise wird als eine komplette Sitzung beschrieben, mit Nennung der einzelnen Schritte, mit Aufzählung der Ziele und Annahmen hinter dieser Vorgehensweise und schließlich der ausführlichen Beschreibung der einzelnen Schritte. Zu diesen Beschreibungen gehören jeweils Blöcke mit viel beispielhafter wörtlicher Rede. Leider weisen gerade diese Blöcke viele Rechtschreibfehler auf und zwischen den einzelnen Interventionen gibt es sehr viele Wiederholungen, wenn es z.B. um Induktion oder Ausleitung der Trance geht. Oft sind es nicht exakte Wiederholungen, sondern hier und da werden Formulierungen leicht verändert. Mir scheint, dass da Audioaufzeichnungen transkribiert wurden (aber nicht sehr sorgfältig redigiert). (Immerhin kann man so erkennen, dass es nicht um wortwörtlich exakt einzuhaltende Skripte geht.) Ich hätte das in einem Kapitel zusammengefasst, aus was für Bausteinen man eine Induktion zusammensetzen kann; vielleicht noch mit ein paar speziellen Hinweisen bei einzelnen Interventionen. Aber dass bei jeder Intervention mehr oder weniger die gleiche Ausleitung geschrieben steht, finde ich überflüssig aufgebläht. Ebenso sehe ich es, wenn bei jeder einzelnen Intervention erwähnt wird, dass man am Anfang der Stunde den Patienten begrüsst und nach dem aktuellen Befinden und dem Wochenverlauf fragt; oder am Ende der Stunde zu fragen, was sich verändert hat, was der Patient mitnimmt usw. So ist zwar jede Intervention in sich eigenständig vollständig beschrieben, aber es handelt sich ja hier um ein zusammenhängendes Buch, was m.E. nicht so viele Wiederholungen braucht.

Die Interventionen selbst sind nichts grundlegend Neues, aber die „üblichen Werkzeuge“ der Hypnotherapie werden hier schon so dargestellt, wie man sie spezialisiert auf das Thema Tinnitus anwenden kann. Für einen Überblick der Interventionen, hier eine Liste der jeweiligen Unterkapitel:

symptomorientiert:

  • 6.1 Lieblingsplatz / Wohlfühlort
  • 6.2 Tinnitus als Bild – Sinneskanäle wechseln und Submodalitäten verändern
  • 6.3 Tinnitus als Skala – Sinneskanäle wechseln und Submodalitäten verändern
  • 6.4 Tinnitus als Bild an einem Ort „maskieren“
  • 6.5 Umlenkung der Aufmerksamkeit
  • 6.6 Ressourcen ankern
  • 6.7 Ressourcen aktivieren – Altersregression
  • 6.8 Ankern und Anker kollabieren

problem- und konfliktorientiert

  • 7.1 Arbeit mit Metaphern I – Stellvertretertechnik
  • 7.2 Arbeit mit Metaphern II – Tinnitus als Landschaft oder Lebewesen
  • 7.3 Arbeit mit Metaphern III – Tinnitus als ungebetener Hausgast
  • 7.4 Arbeit mit Metaphern IV – Tinnitus als Person, Gegenstand oder Symbol
  • 7.5 Reframing I – Die positive Absicht des Tinnitus
  • 7.6 Reframing II – Die positive Absicht des Tinnitus
  • 7.7 Arbeit mit dem inneren Heiler
  • 7.8 Change History – Technik
  • 7.9 Zeitprogression
  • 7.10 Umgang mit Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen

Andererseits: auch wenn die Werkzeuge hier spezialisiert für Tinnitus dargestellt werden – wer diese Vorgehensweisen beherrscht ist wiederum gut gerüstet auch für andere Themen. So eignen sich die symptomorientierten Vorgehensweisen sicherlich auch z.B. für chronischen Schmerz und die problem- und konfliktorientierten Vorgehensweisen ebenso für viele andere Themen.

In Kapitel 8 werden 5 Vorgehensweisen zur Selbsthypnose beschrieben;

und Kapitel 9 schließlich widmet sich der Narrativen Hypnotherapie („Geschichten erzählen“). Hier werden 8 Geschichten wiedergegeben, die zu verschiedenen Aspekten der Tinnitus-Therapie passen:

  • Beppo, der Straßenkehrer
  • Der alte Kaiser
  • Die Lektion eines Schmetterlings
  • Die Palme
  • Die zwei Riesen und die sieben Musikzwerge
  • Die Geschichte vom Löwenzahn
  • Die Reisaffen
  • Wie Milton Erickson „hören“ lernte

Das Buch wird abgerundet mit 28 Arbeitsblättern, die nicht nur Hypnose-Texte beinhalten, sondern auch Informationsblätter zu medizinischen Themen oder zum Thema Hypnose, jeweils für Therapeuten und Patienten.
Zu diesem Buch gehört noch eine CD mit umfangreichem „Bonusmaterial“: darauf befinden sich neben diesen Arbeitsblättern und einer Präsentation auch noch 5 Audiobeispiele von Hypnosesitzungen.

Fazit:
Das vorliegende Buch ist sicherlich das aktuelle (Oktober 2017) Standardwerk moderner Hypnotherapie zur Behandlung von Tinnitus. Darüber hinaus kann es aber auch für viele andere Themen wertvoll sein.
Mir bleibt die Unklarheit bzgl. der Zielgruppe: Erfahrene Hypnotherapeuten brauchen keine Kapitel über die Historie, die Wissenschaftlichkeit oder die Grundlagen der Hypnose, Trancesprache, direkt und indirekt usw. Auf der anderen Seite werden Tinnitus-Spezialisten, die bisher nichts von Hypnose wussten, auch nicht allein aus diesem Buch von Null auf Hypnotherapie lernen. Ich finde schade, in so einem hochwertigen Buch so viele Tippfehler zu finden. Mir gefällt nicht, dass sich so viel (ungefähr) wiederholt, was dem geschuldet ist, dass die Vorgehensweisen quasi unabhängig voneinander jeweils von vorne bis hinten dargestellt werden.
Ansonsten: Wer Hypnotherapie „kann“, findet hier wirklich alles, was man braucht, um mit Tinnitus oder ggf. auch anderen hörbezogenen Problemen zu arbeiten und sogar Vorgehensweisen, die sich leicht für ganz andere Probleme adaptieren lassen.

Buchbesprechung – Detlef Kranz: Hypnotherapie bei Tinnitus
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